RHEINISCHE POST
DIENSTAG, 24. MÄRZ 2026
Krefelder Kultur C5
So elektrisiert die Matthäuspassion das Publikum
Diese Wiedergabe der berühmten Passion wird sicherlich in die Annalen des Schönhausen-Chores eingehen. Drei Stunden hochkarätiger Musik verliefen kurzweilig und boten Platz für bisher kaum Bekanntes.
VON HEIDE OEHMEN
KREFELD Es ist für einen Chor schon ein gewagtes Unterfangen, die hoch anspruchsvolle Bach’sche Matthäuspassion mit fast dreistündiger Dauer aufs Programm zu setzen. Dazu bedarf es eines versierten Dirigenten, eines für ein so anspruchsvolles Werk brennenden Chores, eines Orchesters, das mit Barockmusik vertraut ist, und ausgezeichneter Solisten. All diese fanden sich in der Friedenskirche auf beglückende Weise zusammen und bescherten der großen Zuhörergemeinde ein Musikerlebnis, das ob seiner besonderen Güte die Zeit nicht lang werden ließ.
Der Schönhausen-Chor, für den dem Vernehmen nach diese Bach-Passion eine Premiere war, hatte wegen der in diesem Opus geforderten Doppelchörigkeit mit etwa 20 Sängerinnen und Sängern der Capella Quirina für qualitativ hochwertige Verstärkung gesorgt. Der in Neuss ansässige Kammerchor wurde 1989 vom inzwischen pensionierten Quirinusmünsterkantor Joachim Neugart gegründet, der seit dem Jahre 2002 die Leitung des Schönhausen-Chores innehat. So war das Zusammenwirken der beiden Chorgemeinschaften vermutlich ohne Schwierigkeiten möglich – jedenfalls zeugte das makellose Klangergebnis von bestem Einvernehmen. Durchsichtigkeit, vor allem bei der Doppelchörigkeit, reiche dynamische Differenzierung, sorgfältige Artikulation, untadelige Diktion und blühender Gesamtklang belebten die insgesamt frische und stets nach vordrängende Interpretation. Neugart legte mit so präziser wie federnder Zeichengebung und manchmal fast grenzwertiger Tempovorgabe erfolgreich Wert darauf, das Publikum immer in Hochspannung zu halten.
Dem „Niederrhein Baroque“, einem spezialisierten Barockorchester, das selbstverständlich auf alten Instrumenten musiziert, war diesmal eine besondere Aufgabe gestellt. Mit etwa 20 Musikerinnen und Musikern interpretierten sie die Instrumentalparts der Passion in einer Bearbeitung für nur ein Orchester. Diese hatte Dominique Sourisse im Jahre 2020 kenntnisreich verfasst, es waren keine Defizite zu vernehmen. Aus Platzgründen und aus finanziellen Erwägungen (so ist im Programmheft zu lesen) entschied sich die Veranstalter für diese Fassung. Dabei befand man sich in guter Gesellschaft – Bach selbst musste sich bei Aufführungen seiner Passion in der Leipziger Nikolaikirche wegen der Enge des Raumes mit nur einem Orchester begnügen.
„Niederrhein Baroque“ glänzte, neben achtsamem Unterstützen und Begleiten der Vokalisten, in allen Belangen. Die Streicher beglückten mit sattiger Klangentfaltung, die beiden Traversflöten wetteiferten mit den Barockoboen und dem Barockfagott um transparenten Wohlklang. Die Continuo-Gruppe überzeugte mit niemals nachlassender Genauigkeit, und die Gambe kam in der Bassarie „Komm, süßes Kreuz“ vorteilhaft zur Geltung.
Schon seit vielen Jahren arbeitet Joachim Neugart mit dem Tenor Andreas Post zusammen, der als einer der führenden Evangelisten gilt. Ihm gelingt es bewundernswert, die Spannung, die vom Erzähler ausgehen muss, über drei Stunden hochzuhalten. Ganz ruhig stehend und jede überflüssige Bewegung meidend, lässt dieser Sänger mit dem Facettenreichtum seines vom Pianissimo bis zum Fortissimo ausgeglichenen Tenors die Passion zum Ereignis werden.
Eine Entdeckung war der Niederländer Vincent Kusters. Seinen leuchtenden, bruchlos geführten Bass-Bariton lieh er einem jugendlich wirkenden Jesus, bei dem das Publikum jede Gemütsregung faszinierend mitempfinden konnte. Die Düsseldorfer Sopranistin Elisa Rabanus, auch häufig Solistin bei Neugart-Konzerten, wusste ihren lyrisch-silbrigen, dabei stets wärmeströmenden Sopran vorbildlich zur Geltung zu bringen.
Ihre Arien, namentlich „Ich will dir mein Herze schenken“ und vor allem „Aus Liebe will mein Heiland sterben“, wurden zu Höhepunkten des Konzertes.
Gleich zwei der vorgesehenen Altistinnen mussten krankheitsbedingt absagen. So blieb die gesamte „Altlast“ für Susanne Langner übrig, die ihren Part souverän, mit großer Intensität und hervorragender Stimmqualität bewältigte. Die viel beschäftigte gebürtige Dresdnerin, die am Salzburger Mozarteum und in Berlin ausgebildet wurde, wusste ohne Abstriche zu überzeugen. Der recht hell timbrierte Tenor Robert Reicheln sang einige Rezitative und zwei Arien. Dem Düsseldorfer Sebastian Klein, Kantor an der dortigen Neanderkirche und bei Professor Werner Lechte sowie dem Sänger Boris Statsenko gesanglich ausgebildet, waren die Bassarien und die Worte von Pilatus und Petrus anvertraut. Seinen fest grundierten, voluminösen Bass konnte der Sänger wirkungsvoll entfalten und so zur Belebung der Passion zusätzlich beitragen.
Am Schluss – nach einiger Zeit der Stille – dankte das äußerst disziplinierte Auditorium ausgiebig für eine maßstäbliche Wiedergabe dieser Passion, die sicherlich in die Annalen des Schönhausen-Chores eingehen wird.
